Herrin der orangefarbenene Flotte

01.08.2016

Entsorgungsfirmen-Chefin Annemarie Becker wird heute 80 Jahre alt.

Für gestern Abend hatte Annemarie Becker zur geselligen Runde eingeladen. „Aber um Punkt 23 Uhr ist Schluss“, kündigte sie an. „Gratulationen und große Worte fallen damit flach. “Das passt zur  pragmatischen Seniorchefin des Mehlinger Entsorgungs-unternehmens Becker, die am heutigen Montag ihr 80. Lebensjahr vollendet. Denn falsches Pathos, allzu dick aufgetragene Lobhudeleien passen so gar nicht zum bodenständigen Realismus der gelernten Verwaltungsangestellten, die 1956 in das Lauterer Abfuhrunternehmen einheiratete. Im RHEINPFALZ-Interview hat sie einmal gesagt: „Ich kann’s nicht leiden, wenn’s heißt, das müsste man, das könnte man. Ich mache.“ Natürlich strebt sie Konsens an, schätzt Teamgeist und Kompromiss-bereitschaft. Aber salbadernde Endlos-Konferenzen, die angesichts von Eloquenz und Theoretisieren ausgehen wie das sprichwörtliche Hornberger Schießen – sie lassen sich mit Beckers Entscheidungsfreude nicht vereinbaren.
Die gebürtige Lautererin ist viel zu lange im Geschäft, um sich von pompösem Betriebswirtschafter-Geschwafel beeindrucken zu lassen. Als sich Jakob und Annemarie Becker 1957/58 auf eigene Füße stellten, waren ein Lkw und später ein Müllauto der Grundstock. Heute hat die Jakob-Becker-Gruppe über 750 Fahrzeuge im Einsatz, die nicht nur der Abfallsammlung dienen, sondern auch dem Transport von Öl/Wasser-Gemischen, dem Saugen und Spülen sowie der Inspektion und Reinigung von Kanalsystemen. Mehr als 2000 Mitarbeiter sind an knapp 60 deutschen Standorten sowie Niederlassungen in Österreich, Tschechien, Kroatien und Serbien tätig. Laut Internetauftritt engagiert sich die Unternehmensgruppe, die seit 1985 ihre Zentrale in Mehlingen hat, „für fachgerechte und zeitgemäße Dienstleistungen im Bereich der Entsorgung und Verwertung“. Mit Umsicht und Weitblick, aber auch mit Selbst- und Verantwortungsbewusstsein lenkt die als bestens vernetzt geltende Annemarie Becker dieses Imperiumbereits seit den 1970er Jahren. Ihr Mann – ein Enkel des Firmengründers – starb 1994, als die deutsch-deutsche Wiedervereinigung auch die Erfolgsbilanzen des Mehlinger Groß-Mittelständlers in die Höhe schnellen ließ. Immerhin lag die jährliche Wachstumsrate in den vergangenen vier Jahrzehnten bei durchschnittlich 18 Prozent. Die langen Autofahrten, die sie einst genoss, überlässt Annemarie Becker inzwischen anderen. Hinter der orangefarbenen Müllwagenflotte schaltet und waltet sie weiterhin als graue Eminenz. Und dass sie trotz knallharter Kalkulation etwas Sympathisches, Warmherziges, ja Gütiges ausstrahlt, hat nichts mit dem 80. Geburtstagzu tun.


Autor: Rainer Dick
Quelle: DIE RHEINPFALZ, Nr. 177
Ausgabe vom 01.08.2016

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