Auch brisante Akten landen oft im Papiermüll

03.03.2014

Auch brisante Akten landen oft im Papiermüll

Statt im Reißwolf entsorgen manche Unternehmen ihre Akten lieber in der Papiertonne. Datenschützer sind entsetzt. Sie raten, jedem Bürger, Vertrauliches zu schreddern.
Von Jürgen Freitag

Chemnitz - Für die Menschen sind sie ein Ballast, für Gerold Münster ein Geschäft: alte Akten. Tausende Tonnen davon landen jedes Jahr bei ihm. Münster ist Chef der Aktenvernichtungsanlage von Becker & SDR in Chemnitz. In einer Halle, so hoch und breit, dass darin Luftschiffe Platz hätten, drehen die Akten auf einem Laufband ihre letzte Runde - bevor sie ein Schredder schluckt. Und zwar komplett. Der Riesen-Reißwolf, der in der Mitte der Halle werkelt, zerrupft die Ordner samt Inhalt in tausende Papierfetzen. Metallteile saugt ein Magnet heraus.

Oft sind es vertrauliche, manchmal brisante Informationen, die so für immer verschwinden. Vor allem Unternehmen und Behörden zählen zu Münsters Kunden. Es ist ein faszinierendes, ein schmutziges Schauspiel: Die Maschinen wirbeln Staub auf, dass einem die Luft wegbleibt. Vorn kommt die Akte rein, hinten das gepresste Altpapierknäuel heraus. "Zum zusammenpuzzeln ist am Ende nichts mehr", erklärt Münster. "Es gab auch schon einen Fall, wo wir Unterlagen geschreddert haben, die ein Kunde fälschlicherweise weggeworfen hat. Als der Anruf kam, konnten wir nur noch sagen: Sorry, Auftrag ausgeführt." Doch nicht alle Betriebe lassen vertrauliche Dokumente von einem Profi vernichten.

Polizei ermittelt gegen Anwalt

Erst im Sommer letzten Jahres sorgte ein Fall aus Annaberg-Buchholz im Erzgebirgskreis für Aufsehen. Ein Anwalt soll dort wiederholt Kanzlei-Akten im Papiermüll entsorgt haben. Ein Bürger bemerkte die Anwaltsordner im Altpapier und meldete den Fall der Polizei; die stellte die Unterlagen sicher. Das Verfahren läuft noch, erklärte eine Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz. Dem Anwalt drohen mittlerweile eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe.

Allein im Bereich der Polizeidirektion Chemnitz wurden im vergangenen Jahr 14 Anzeigen wegen des Verdachts der Verletzungen von Privatgeheimnissen. Dass Betriebe sich die Entsorgungskosten sparen und Unterlagen nicht ordnungsgemäß vernichten, sei in Sachsen immer wieder ein Thema, bestätigt Andreas Schneider, Sprecher des Sächsischen Datenschutzbeauftragten.

Wie Firmen mit sensiblen Daten umgehen müssen, regeln in Deutschland dutzende Gesetze. Sie bestimmen einerseits, wie lange man bestimmte Daten speichern muss. Andererseits geben sie vor, wie Akten zu entsorgen sind - nämlich "datenschutzgerecht", so Schneider: "Das heißt, es darf kein Unbefugter, kein Dritter an die Daten gelangen. Und die Papierfetzen müssen so klein sein, dass sie unlesbar sind." Doch nicht nur Unternehmen patzen beim Umgang mit sensiblen Daten. Auch viele Bürger werfen Verträge, Rechnungen und Kontoauszüge unbedacht ins Altpapier. "Alle Unterlagen, auf denen der Name und die Adresse gedruckt ist, gehören unbedingt in den Schredder", sagt Marion Schmidt von der Verbraucherzentrale Sachsen. Es gebe genügend Leute, die in den Tonnen rumkramen, auf der Suche nach Zeitungspapier. "Die bringen das Papier dann weg, um Geld zu bekommen." So bestehe die Gefahr,

dass mit meinen Daten Missbrauch betrieben werde. "Ein Aktenvernichter gehört deshalb in jeden Haushalt", erklärt Schmidt.

Privates gehört in den Reißwolf

Datenschützer Schneider rät dazu, alle Briefköpfe vorher mit einer Schere auszuschneiden und extra zu schreddern. "Für mich ist das kein militärischer Aufwand sondern Selbstdatenschutz. Und die Streifen, die der Aktenvernichter produziert, würde ich dann noch einmal durchwirbeln." Alternativ könne man vertrauliche Unterlagen auch im Kamin verbrennen, so Schneider.

Rechnungen und Kontoauszüge sollten aber nicht sofort entsorgt werden, sondern gehören für eine gewisse Zeitspanne archiviert. "Kontoauszüge am besten vier Jahre an geeigneter Stelle deponieren", so Schmidt von der Verbraucherzentrale. "Für Quittungen bei Barzahlungen gilt das gleiche. Den Kassenbon von Verbrauchsgütern wie Möbeln oder Fernsehgeräten sollte man mindestens zwei Jahre aufbewahren." Denn zur Reklamation benötige man einen geeigneten Nachweis.

Ist der Papierstapel angewachsen und die Aufbewahrungsfrist verstrichen, gehören die Unterlagen entsorgt. Geht es nach Münster, dann landen die Unterlagen natürlich am liebsten bei ihm. Dass Geheimes nicht öffentlich wird, das ist sein Job. Er hat - im wahrsten Sinne - aus Müll ein Geschäft gemacht.

Die Entsorgungsfirma Becker in Chemnitz/Borna vernichtet Akten und Datenträger nach Bundesdatenschutzgesetz.

Quelle: Freie Presse Chemnitz vom 03.03.2014

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